Impressionen von einer Fachpressekonferenz (1982) Es fehlen die netten Kleinigkeiten, die Bilder, die kaputten Vasen, ulkige Kalender, das Überflüssige, das Unsaubere, das Unsymmetrische, Nichtprofessionelle, Nichtvorzeigbare, Alte... eigentlich alles. Statt dessen stehen Grafiksysteme in allen Räumen, und zum Überfluß hängen schlechte Fotos davon an den Wänden - alle fast gleich, nur aus jeweils anderer Perspektive aufgenommen. Sie werden ergänzt durch Fotos des kalifornischen Mutterhauses - ein flacher Klotz am Rande der Wüste. An einer langen Wand prangt ein gigantisches Schild mit dem Firmennamen! Können sich die Arbeitenden - die schließlich ein Drittel ihrer Zeit hier verbringen -, können sich die Besucher hier wohlfühlen? Wohl kaum. Das spüre ich, als ich die Geschäftsräume betreten habe und nun vom European Manager begrüßt werde. Er hat das egale freundliche Lächeln aufgesetzt, trägt den gleichen Anzug mit Weste, die gleiche langweilige verwegene Krawatte, fragt das gleiche unverbindliche Uninteressante, äußert dieselben sogenannten Gefühle (... nice to meet you, hope you've had a good flight...). Und er benutzt die gleichen hackigen unsicheren Gesten, mir einen Stuhl, einen Kaffee anzubieten. Auch er weiß nicht, wie er seine Hände halten soll; er reibt sie verkrampft ineinander und lächelt gequält. Kurzum: Er fühlt sich nicht wohl und wird froh sein, wenn alles vorbei ist. Ein nicht sehr gelungenes Abbild des amerikanischen Mutterpräsidenten. Dieser weiß schon besser, wie er seine Hände halten soll: die rechte am Glas (Tasse, Keks..), die linke versteckt in der Hosentasche. Sein Lächeln verschwindet schneller und ist deshalb nicht allzulange aufgesetzt. Eigentlich hat er auch nichts zu lächeln. - Die Assistentin des Managers ist da schon etwas gelassener (weil sie eine Frau ist? Darf sie deshalb so sein?) Nun werden die Gäste gegenseitig vorgestellt. Man lernt sich kennen und vergißt sich im selben Augenblick wieder (ich meine nicht sich selbst, oder?) Nun sehe ich die Menschen wieder, die heute morgen im Hotel entdeckt haben, daß man beim Frühstück Self Service in Anspruch nimmt. Sie stehen rum, sitzen rum, trinken dies, essen das, sind nervös, blättern in der Pressemappe, stehen auf, setzen sich, trommeln mit den Fingern... Irgendwann enden die Belanglosigkeiten, man setzt sich endgültig hin (natürlich nicht vorne, wo geredet wird. Sondern hinten, wo man Schutz und Fluchtweg hat). Ich denke an die Menschen, die ich liebhabe... Auffällig ist, daß ich bei dieser Eröffnung des European Headquarters der einzige Journalist aus Deutschland bin - oh, welche Ehre wird mir zuteil! Der European Managing Director eröffnet det Janze. Dabei steht er an die Wand gequetscht. Sucht er Schutz bei der Wand oder bei dem Firmenschild? Beschützt kündigt er die Rede des Präsidenten an und wandert dabei auf und ab (er verläßt den Schutz). Dann endlich geht der Präsident nach vorne, souverän, aufrecht, wie es sich für seinesgleichen geziemt. Ganz natürlich stellt er sich an das Rednerpult, trinkt einen Schluck echtes Wasser und fängt an: Die Company ist on the best way to get the Leadership in the business. And sie wissen, daß trotz der recessive phase in the last year ein Umsatzplus about 35% erzielt worden ist. Spätestens 1985 wird XXXXXXXXXXXXX [1] führend sein, No. I in the world. - Der Präsident läßt Zahlen auf uns niederprasseln, das meiste davon steht in der vorbereiteten Presse-Info. Der Mann paßt mit seiner Unpersönlichkeit und Uniformiertheit recht gut in die Geschäftsräume. Umsatz, Profit, Position Nr. 1 stehen für ihn ganz klar im Vordergrund. Es zeigt sich sehr deutlich, daß es sich hier um eine Branche handelt, die - weil relativ neu und zukunftsträchtig - zur Zeit sehr schnell (zu schnell?) wächst und sich nach außen hin etwas übernimmt, wenn man das Image und die dafür aufzubringenden Kosten in Betracht zieht. Muß denn dieser ganze blendende Zinnober wirklich stattfinden? Erwarten das etwa die Journalisten, die später eintreffenden Kunden, Geschäftspartner, Mitbewerber? Lohnt sich das zwanghaft Aufgedotzte? Oder denkt sich vielleicht manch einer, was das eigentlich alles soll? Können wir nicht normal miteinander reden, uns normal präsentieren - als Menschen? Denn was steckt denn hinter dem Ganzen? Letztendlich doch wieder nur der Mensch! Menschen, die über die Firmen und die Produkte anderen Menschen berichten, Menschen, die die Produkte kaufen, Menschen, die mit ihnen arbeiten, um Dinge für Menschen herzustellen... Doch was bilde ich mir eigentlich ein? Glaube ich etwa, die (Geschäfts-)Welt verbessern zu können? ... Mr. President hat seine schöne Rede beendet, eine Rede, die ich bereits von vielen Managern und Präsidenten (natürlich mit jeweils anderen Namen und Zahlen) gehört habe. Jetzt fängt das Publikum zaghaft an zu klatschen, denn es ist von der Rede (scheinbar) recht beeindruckt. Erst klatscht einer, dann ein paar mehr, schließlich fast alle (wieso nur fast?). Anschließend werden Fragen gestellt. Die üblichen. Da habe ich Zeit, das hier zu schreiben (was, in der Arbeitszeit?). Endlich die Produktvorführung. Jetzt wird es lustig: Die Nichtinteressierten gehen zurück zum Büffet und reden über Firmenpolitik oder Ähnliches, ich weiß nicht, mir ist es egal. Die Interessierten scharen sich um das Gerät (nur nicht zu dichte bei) und schauen zu, was es kann und nicht kann. Nachher haben wir die Gelegenheit, uns selber zu spielen. Etwas peinlich wird es, als ich das Gerät in eine endlose Programmschleife bringe, aus der es nur durch Manipulation am Host-Rechner herausfindet. Zeit zum Mittagessen, und ich denke mir, damit mir das Essen Spaß macht, werde ich mich zur Assistentin des Managers setzen. Sie stellt fest, daß uns der hochmoderne Aufzug überall hinfährt, doch wir schaffen es endlich, das Gebäude zu verlassen. Weiter unten im Restaurant sammelt sich das Wild - Verzeihung, die Gemeinde bei Tisch. Und mein Gefühl hat mich nicht betrogen: Es kommen ganz von selbst wirkliche Gespräche auf. Die Frau des Application Engineers malt: Sie fotografiert Wasserlachen und Pfützen, vergrößert Ausschnitte daraus und hält sie per Pinsel fest. Und eines ihrer Bilder hängt im Büro ihres Mannes. Also doch! Nicht nur Application Engineer, sondern auch Mensch! Und so geht es weiter. Immer Mensch geblieben ist auch die Assistentin des Managers. Unser Gespräch ist recht vertraut, zieht man in Betracht, daß wir uns eigentlich fremd sind. Beide sind wir begeistert über die tatsächlich vorhandene Möglichkeit, anläßlich eines an sich rein geschäftlichen Essens (gibt es einen geschäftlichen Hunger?) so miteinander reden zu können. Manchmal vergessen wir zu essen. Wir stoßen gleichzeitig mit einem Glas Wein an. Sie erzählt mir von einem Bruder, der Karriere in einem großen Konzern gemacht hat, und von einem anderen Bruder, der Kommunist geworden ist, und es ist für mich sehr schön zu spüren, wie sie beide Tatsachen akzeptieren kann. Sie erzählt von den guten und den schlechten Gefühlen, die sie in ihrer Arbeitswelt hatte und hat. Wieder einmal kann ich froh sein, anläßlich einer geschäftlichen Veranstaltung einem Menschen nähergekommen zu sein. Somit ist der Zweck auch dieser Reise erfüllt. Auf jeden Fall werde ich vorbeischauen, wenn ich mal wieder in der Gegend sein werde. |