| | Computer-Killer (1990)
Eine Kriminalgeschichte von Manuel Okroy und Klaus-Günter Schultz
Robert
Vogt war wie zur Salzsäule erstarrt. Was er soeben erfahren
hatte, konnte doch nicht war sein! "Stell' Dir vor, der Peter
Goldberg wird neuer Marketing-Chef", hatte Andrea Sinjen, seine
Sekretärin, ihm zugeflüstert. Robert Vogt wurde schwarz vor
Augen. Seit Wochen wartete er darauf, daß der Chef ihn zu einem
Gespräch rufen und die Beförderung aussprechen würde.
Seit Jahren, seit dem Tod seiner Frau, war der Beruf sein ein und
alles, sieht man einmal von seinem Hobby - dem Sammeln alter
Kartenspiele - und seiner Psychotherapie ab. Er hatte sich engagiert
und geackert wie ein Stier. Überstunden, Weiterbildung,
12-Stunden-Tage, für ihn eine Selbstverständlichkeit. Als
Marketingleiter wären seine Erfahrungen und Kenntnisse voll zum
Tragen gekommen - und jetzt das! "Das hat bestimmt diese Siegel
zu verantworten", dachte er grimmig, soweit man die Äußerungen
seiner tumben Wut überhaupt als Denken bezeichnen konnte. "Ich
bringe sie um, dieses Miststück!"
Auf
Renate Siegel, Betriebspsychologin und Beraterin des Personalchefs.
war er nicht immer so schlecht zu sprechen gewesen. Schließlich
hatte sie ihm aus seiner tiefsten Krise herausgeholfen. Damals, nach
dem Unfall von Uschi, seiner Frau. Nächtelang schlief er damals
überhaupt nicht, und dann nur mit gräßlichen
Alpträumen von dem zerfetzten blauen Golf und seiner
zerstückelten Frau. Die Zwangsvorstellungen von dem Unfall
ließen ihn auch tagsüber nicht mehr los. Zusehends
bleicher wankte er damals ins Büro, nicht mehr fähig, auch
nur einen klaren Gedanken zu fassen. "Ich weiß nicht mehr
weiter", gestand er seinem Freund und Kollegen Peter Goldberg,
"gibt es denn keinen Ausweg für mich?"
"Mir
ging es auch mal sehr schlecht, Robert, damals, als meine Freundin
mich so urplötzlich verlassen hatte. Da hat mir Renate Siegel,
unsere Betriebspsychologin, sehr geholfen. Sie hat ja immer noch ihre
alte Praxis. Sie macht eine erstklassige Hypnose-Therapie. Ich bin
schon über ein Jahr bei ihr in Behandlung."
Für
Robert Vogt als Ingenieur und Computer-Spezialisten schien es
undenkbar, eine Hypnose-Therapie zu beginnen. Insgeheim belächelte
er seinen Kollegen, wären da nur die Alpträume nicht
gewesen. Sie wurden zusehends schlimmer. Er hörte die Schreie
seiner Frau selbst dann noch, wenn er schweißgebadet aufwachte.
Also faßte er sich ein Herz und vereinbarte einen Termin mit
Renate Siegel.
Von
da an ging er regelmäßig zu ihr, zweimal die Woche, 45
Wochen im Jahr. Er erzählte ihr, wie er seine Frau kennengelernt
hatte, wie sie heirateten, die Art, wie sie miteinander stritten und
wie sie sich liebten. Und dann, wie er ihren größten Wusch
erfüllte und ihr diesen kleinen Golf schenkte, taubenblau, mit
Ledersitzen, Klimaanlage, Autotelefon und 110 PS. Sie hatte mit ihm
telefoniert, als es passierte. Er hörte das Krachen und ihre
Schreie, als würde er neben ihr sitzen. Und dann hörte er
nichts mehr... Hier brach er regelmäßig zusammen, wenn er
davon erzählte. "Warum nur, warum", schluchzte er.
"Und ich bin schuld, weil ich unbedingt dieses Autotelefon
installieren mußte!"
"Unsinn,
Robert. Niemand trägt Schuld an diesem Unfall. Ich werde Sie
jetzt in Tiefenentspannung versetzen, und dann gehen wir alles
nochmal durch. Sie werden sehen. wie es Ihnen besser geht."
Und
so begann es. Robert Vogt lernte sich entspannen und gewisse
Konfliktpunkte in Hypnose zu lösen. Er merkte, daß die
Krise, die durch den Tod seiner Frau ausgelöst worden war,
Ausdruck einer eigenen Problematik war, die viel tiefer lag und die
es nun zu bearbeiten galt. Was er nicht merkte, war, wie sehr er sich
von seinen Freunden und Bekannten distanzierte. wie er immer
eigenbrötlerischer wurde. Und er merkte auch nicht, daß er
in immer größere Abhängigkeit zu Renate Siegel
geriet, daß sie ihm zusehends mehr bedeutete. "Ich möchte
mehr als nur beruflichen Kontakt zu Ihnen", gestand er ihr.
"Das
geht nicht, Robert. Das verbietet mir mein psychologisches Ethos.
Aber wenn Sie näheren Kontakt zu mir wollen, können Sie ja
mal kommen und meinen Computer reparieren."
Robert
Vogt ließ sich das nicht zweimal sagen. Eines
samstagnachmittags überraschte er sie mit einem kleine
Blumenstrauß. trank gemütlich mit ihr Kaffee und machte
sich an die Arbeit. Nach den verchiedenen einleitenden Tests schaute
er sich das Programm mit den Patientendaten an, ob sich hier ein
Fehler finden lassen würde. Doch was war das? Er fand seinen
eigenen Namen und die Termine, an denen er zu den Sitzungen kam. Nur,
daß er in der Datei mit vier Wochenstunden registriert war
anstatt mit zwei. Und da waren ja noch mehr Namen: die seiner
Sekretärin, von der er wußte, daß sie niemals im
Leben einen Psychotherapeuten besuchen würde. Und der seines
Chefs, der absolut keine Zeit hatte, auch nur ein einziges Mal zu
einem Psychologen zu gehen. Was sollte das? Langsam dämmerte es
ihm: Seine geliebte Renate Siegel betrog die Krankenkassen in großem
Stil. indem sie Patienten und Termine erfand, die sie dann
abrechnete. "Alles in Ordnung mit dem Computer?", hörte
er hinter sich eine Stimme. Er zuckte zusammen und wechselte
blitzschnell das Programm. Was sollte er tun? "Alles okay, nur
der Druckeranschluß war zu locker", sagte er und drehte
sich lächelnd um. Aber ihm war nicht zum Lachen zumute. Eine
Welt brach für ihn zusammen.
All
das ging ihm durch den Kopf. während er stumm auf Rache für
die Schmach der Nicht-Beförderung sann. Er hatte sich damals
innerlich völlig von Renate Siegel distanziert, wenn er auch
weiterhin die Hypnosestunden besuchte. Hypnose? Hypnose... sein
früherer Freund und jetziger Erzrivale Peter Goldberg war doch
auch bei der Siegel in Behandlung! Könnte man da nicht...? Ihm
kam eine diabolische Idee! "Hallo. Andrea", flötete er
seiner Sekretärin ins Telefon, "verbinde mich doch mal mit
Frau Siegel aus der Personalabteilung." - "Sofort, Chef."
Einen Augenblick später hatte er sie an der Strippe. "Ich
erwarte dich in zwei Minuten in meinem Büro, Renate!"
bellte er sie an. - "Wie kommen Sie dazu, mich zu duzen?",
fragte sie empört. - "Das haben mir die Rechnungsprüfer
der Krankenkassen empfohlen. Scheinheilige."
Kurze
Zeit später stand sie in seinem Büro, bleich wie der Tod
und zitternd wie Espenlaub. "Mach die Tür zu, falsche
Schlange!", befahl er. - "Woher wissen Sie, was wollen Sie
über..." - "Kein Wort, das warum und wieso geht Dich
überhaupt nichts an. Und jetzt hör mir genau zu: Du wirst
dem Peter Goldberg in den Therapiestunden ein Wort suggerieren.
Welches, ist mir Wurscht. Vielleicht... genau: "Phaser" ist
das Wort. Wenn er das hört oder liest, muß er reagieren
wie auf Rattengift oder einen Herzschlag! Das Wort muß auf ihn
wie eine tödliche Waffe wirken, hast Du mich verstanden?
Andernfalls wird es einige peinliche Enthüllungen geben, die
Dich Kopf und Kragen kosten!" - "Aber wie soll ich das
machen?" - "Frag' nicht! Mit deinem Hypnose-Quatsch
natürlich. Und glaube mir, wenn es nicht klappt, bist du dran."
Ein breites, ruhiges Grinsen legte sich auf das Gesicht von Robert
Vogt. Er wußte, er hatte gewonnen. Nun hieß es nur noch
warten...
Jetzt
die Ruhe bewahren. Nur nicht auffallen! Hatte er auch keinen Fehler
gemacht? Kann eigentlich gar nicht sein. Seit acht Wochen war er noch
pünktlicher als sonst, noch unauffälliger, noch
distanzierter. Seine Arbeit lief wie geschmiert, und jeder mußte
von ihm den Eindruck eines loyalen, konstruktiven Mitarbeiters haben.
Auch privat gab es nach außen hin keine Veränderungen. Er
besuchte weiterhin seine regelmäßigen Therapiestunden -
wenn auch nur pro forma - und ging wie eh und je seinem Hobby nach.
Die Hypnosestunden gaben ihm beste Gelegenheit, auf Renate Siegel
stummen Druck auszuüben. Nach außen hin war er völlig
"normal", doch er wußte, daß sie wußte,
wie ernst es ihm mit seiner Forderung und seiner Drohung war.
Das
Programm für seinen Intimfeind war auch schon fertig. Nach
seiner Aktivierung wird es sich nach dem Einschalten des Computers
und der Passworteingabe selbst laden und starten. Es besteht nur aus
einem Wort: "Phaser" - und dann löscht es sich
automatisch. Und keiner wird sich erklären können, warum
den geliebten Kollegen und neuen Marketingleiter Peter Goldberg
plötzlich in aller Herrgottsfrühe ein Herzschlag trifft,
der leider tödlich endet. Robert Vogt mußte aufpassen, daß
er nicht zu fröhlich wirkte, wenn er insgeheim daran dachte.
Wann war es wohl soweit? Wie lang brauchte die blöde Siegel
noch, um den Peter Goldberg mit dem Codewort zu impfen?
Robert
Vogt mußte nicht mehr lange warten: Eines Tages stand sie vor
ihm, mit festem Ausdruck im Gesicht: "Er ist bereit", war
alles, was sie sagte. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und
verschwand durch die Tür. Er wußte. er brauchte sie nicht
zurückzuhalten. Er wußte, sie hatte ihren Job gut erfüllt.
Nur sein Gedanke an das bibbernde Wesen von vor neun Wochen machte ihm
klar, daß sie aus reiner Panik heraus gar nicht anders handeln
konnte. Sie war in seiner Hand.
Er
kam früh am nächsten Morgen, noch früher als sein für
seine Pünktlichkeit bekannter "Kollege". Er ist allein
in dem großen Büro. Das hatte er erwartet. Ein kurzer
Blick auf die verlassenen Schreibtische, dann mit schnellem Schritt
auf den Computer von Peter Goldberg zu. Einschalten. Alles klar.
"Autoexec.bat" aufrufen. "Ph.dead-Return"
eingeben. Zurück ins Hauptverzeichnis. Ausschalten - fertig.
Sein Herz klopft. Er glaubt sich beobachtet, schwitzt am ganzen
Körper. Niemand da. Er schleicht in sein Büro, lauscht nach
jedem Ton. Er ist wirklich ganz allein. Er sitzt an seinem
Schreibtisch - geschafft! Jetzt nur nicht durchdrehen. Am besten
alles machen wie immer. Irgendeine Routine. Er schaltet seinen
Computer ein, um zur Ruhe zu kommen. Das Gerät piept zweimal,
das Zeichen, um "Fl" zu drücken. Gedankenverloren
betätigt er die Taste. Ein ihm fremder Text erscheint. "Guten
Morgen, Herr Vogt. Hier Ihr neues persönliches Passwort. Es
lautet: 'AUTOTELEFON'." Ein gurgelnder Laut entfährt seiner
Kehle. Er springt auf, greift sich ans Herz, versucht zu schreien.
Nur ein Röcheln - dann verliert er das Bewußtsein.
Der
nächste Schrei gelingt, es ist der von Andrea Sinjen, als sie
ihn entdeckt. Markerschütternd. "Vogt ist tot!",
brüllt sie aus voller Kehle. Sie ist völlig hysterisch -
anders als Renate Siegel, der ein sanftes Lächeln um die Lippen
spielt... |