| | Eins, zwei, drei, null (1990)
1 - Kindliche Phantasie
Nun saß er da in seiner bunt-chaotischen Spielecke, quietschvergnügt jauchzend und pausbäckig, mit der Tochter aus der Wohnung unter ihnen. Sie hatte zu Weihnachten ein kleines weißes Ärzteköfferchen mit einem roten Kreuz drauf geschenkt bekommen und beschlossen, wenn sie groß ist, ihre Mami zu heilen. Er wollte ja lieber Raketenbauer werden, denn das gefiel ihm: mit einer Rakete auf den Mond geschossen zu werden, in weichen Polstersesseln sitzend, so wie er es im Filmtheater gesehen hat, und dann vom Mond herunterzugucken auf Mami und Vati. Aber Mädchen sind so, und ihm machte auch das Arztspielen Spaß.
Gerade war sie eine Patientin mit hohem Fieber, da kam Vater ins Spielzimmer. Die Kinder hatten ihn nicht kommen hören - wozu auch, für ihn war doch gar kein Platz im Spiel. Der kleine Doktor steckte gerade das Holzthermometer in den kleinen Spalt der Fieberkranken - er selbst hatte so einen Spalt nicht. Eine innere Vorstellung verriet ihm, daß es dort am wärmsten sein müsse und er deshalb am schnellsten ein fiebriges Ergebnis erhalten könne. Sein Wissen um dieses Geheimnis machte ihn ganz stolz, doch Vater lief im Gesicht hochrot an, holte weit aus und schlug zu.
Aufgrund der hierbei freiwerdenden kinetischen Energie - doch das wußte er selbstverständlich nicht - verschob sich sein Kopf um etwa 70 Zentimeter, der anhängende Rumpf mitsamt Beinen und Armen und Thermometer zog nach. Die kleine Freundin war wie erstarrt, doch das bekam er nicht mehr mit. Das letzte, was er noch wahrnahm, war ein leises silbernes Klingeln, gerade so, als wäre ein kleines Glöckchen vom Christbaum auf das Parkett gefallen - doch der stand im Salon und nicht im Spielzimmer.
Als er zu sich kam, war er noch ganz benommen. Seine linke Backe war angeschwollen, Mutter stand da mit besorgtem Gesicht und machte ihm einen kalten Umschlag mit Wasser und Franzbranntwein. Beim Abtasten bemerkte er, das ihm irgendetwas abhanden gekommen war, er wußte freilich nicht was. Es mußte jedoch etwas ganz Wichtiges sein, denn er fühlte sich nach dem Schlag verändert. Der Bub hatte keine Vorstellung mehr... keine Phantasie mehr.
2 - Selbstachtung
Nur widerwillig lief er mit den anderen in den Keller am Savignyplatz. Er hatte die Nase voll von den englischen Bombern. Doch eines wußte er: Der Sieg würde kommen. Das war klar. Die mit dem gelben Stern waren auch schon lange ausgetilgt. Jetzt kam endlich seine Generation zum Zug, für das Vaterland zu kämpfen. Der Stolz über seine Uniform legte sich über seinen Ärger.
Unten im Luftschutzraum fiel ihm ein, er könne nach einem seiner Kameraden Ausschau halten. So lief er denn, während oben die Granaten einschlugen, durch den Verbindungsstollen und mehrere Kellerräume, doch er fand Harry nicht. Statt dessen sah er in einem Seitengang einen jungen Offizier, der gerade dabei war, sich seiner Uniform zu entledigen. Ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern war ihm klar, was seine heilige Pflicht war.
"Halt, stehenbleiben, Hände über den Kopf, Volksverräter!" Mit seinem Sturmgewehr hielt er den anderen in Schach. Der war viel zu sehr verdutzt, um erschreckt zu sein. Er wollte nach seiner Hose greifen, die ihn völlig zu entblößen drohte. Doch der Junge wähnte einen Angriff, reagierte blitzschnell und schoß den Deserteur nieder. Eine unheimliche und bisher unbekannte Erregung überkam ihn. Dies war sein heroischer Beitrag zum Endsieg. Er fühlte sich seinem Führer tief verbunden.
Bald kamen andere Schutzsuchende vorbei und sahen, was passiert war - die einen befriedigt, andere entsetzt, doch einige auch völlig abgestumpft und ohne Reaktion. Für die Entsetzten hatte er innerlich nur Verachtung übrig, die Abgestumpften nahm er gar nicht erst wahr. Später jedoch, als der Angriff vorüber war und alle aus ihren Luftschutzbunkern hervorkamen, ging er über den Platz nach Norden, und es fielen ihm die Abgestumpften ein. Irgendetwas in ihm schnürte ihm die Luft ab, er hatte keine Vorstellung, was das sein könnte. Das Gefühl aber wurde immer bedrohlicher; er riß sich die Uniformjacke auf, doch das half nichts. Rings um sich herum nahm er den Trümmerhaufen Berlin-Charlottenburg wahr, so deutlich hatte er das zuvor nie gesehen. Im Weitertorkeln schließlich wurde ihm schwarz vor Augen, und für einen kurzen Augenblick glaubte er, am Boden seinen eigenen Körper zu sehen, leblos, von einem Sturmgewehr getroffen. Er wollte weglaufen, doch es ging nicht mehr.
Da war ihm, als schlüge genau an dieser Stelle eine Granate ins Erdreich ein. Es gab einen ohrenbetäubenden Lärm, und zurück blieb ein kreisrunder Krater - sein Ebenbild war weg. Merkwürdig war nur, daß er vor dem Einschlag kein Heulen gehört hatte. Ihm wurde leichter, aber es war keine angenehme, befreiende Leichtigkeit. Zwar bekam er wieder Luft, doch ein Gefühl überwältigte ihn, daß er zuvor niemals zugelassen hätte. Und so fing er bitterlich an zu weinen, als er in Richtung Goethestraße weiterlief. Die Zeit schien ihm endlos, er hatte kein Ziel mehr, er rannte immer weiter, weiter, weiter, verlor sein Gewehr, kümmerte sich nicht um den erneuten Bombenalarm, gab auf sein Leben keinen Pfifferling mehr.
3 - Sein im sozialen Gefüge
Es war wie immer, mit dem gleichen Stumpfsinn all dieser Tage. Beim Überqueren der Straße sah er weder links noch rechts, war froh, endlich am Bahnhof angekommen zu sein - oder vielmehr an der Ruine, die davon übriggeblieben war. Schon wieder fürchtete er sich davor, in der S-Bahn und später im Bus sitzen und ins Gegenüber der leeren Schichtarbeitergesichter starren zu müssen. Sie waren ihm alle völlig egal, so egal, diese Spiegel seiner selbst.
Er dachte nur an die vielen tausend Eispackungen, die fast neun Stunden am Tag vor ihm vorbeimarschierten, tagtäglich, Tag für Tag, es nahm kein Ende... Sein früherer Wunsch, Lehrer zu werden, war schon gar nicht mehr in seinem Gedächtnis; er war längst ausgelöscht, alles war ausgelöscht, der Kopf war nur noch angefüllt mit tausenden von Eispackungen, die vor ihm herumtanzten.
Auch dieser Tag in Alt-Moabit verging wie alle anderen zuvor. Immer wieder mußte er eingreifen, wenn die Eismaschine wegen zu niedriger Temperatur stockte oder die Zutaten nicht rechtzeitig bereitstanden. Vier Stunden aufpassen, daß aus dem Brei von Marmelade, tiefgefrorenen Erdbeeren, Milch und anderen Dingen Speiseeis entsteht, dann war "Fürst Pückler" an der Reihe - all das war fern von ihm, wie durch eine Glaswand getrennt. Er hörte die Arbeiter reden und rufen, doch nichts davon erreichte ihn.
Um halb fünf endlich fand der Stumpfsinn seine allabendliche Unterbrechung. Ein neuer begann, der in der Zeitung. Er las irgendetwas von einem Satelliten im Weltraum; es war ihm egal wie nur irgendwas. Alle Russen, alle Amerikaner waren ihm egal. Adenauer und das Gerede um die Wiederbewaffnung kümmerten ihn nicht. Schnell in die S-Bahn, sonst muß ich 20 Minuten warten und kann nicht mehr einkaufen, dachte er bei sich und hechtete die Stufen hoch.
Wie immer fuhr die S-Bahn mit viel Geratter in den Tunnel ein. Die Fahrgäste, allesamt ausgelaugt von der Arbeit und gleichgültig dreinblickend wie er selbst, schaukelten hin und her, die Wagenbeleuchtung flackerte wild und fiel plötzlich ganz aus. Eigentlich nichts besonderes, nur diesmal sprang auch die Notbeleuchtung nicht an, und es blieb finster. Er hörte die Leute raunen und murren; plötzlich einen singenden absteigenden Ton, als wenn ein Generator abgeschaltet würde, dann war alles still. Als die Lichter wieder angingen, sah er um sich. Alle Plätze waren leer, kein Mensch mehr außer ihm selbst im Wagen, kein Geräusch mehr. Geblieben war nur seine Gleichgültigkeit, eine Verwunderung über diesen außergewöhnlichen Vorgang überkam ihn keineswegs. Egal war egal, ob da oder nicht da.
Auf einmal gab es einen fürchterlichen Rums, er bemerkte nur noch, daß ihn etwas wie eine Riesenfaust nach vorn auf die gegenüberliegende Sitzbank schleuderte, dann war alles schwarz. Kurze Zeit später - so kam es ihm jedenfalls vor - fand er sich in Gips verpackt in einem Krankenhausbett wieder. Die Schwester erzählte ihm von dem Zugunglück im S-Bahn-Tunnel und von den Toten und Verletzten; er selbst habe Glück gehabt, da er auf zwei gegenübersitzende wohlbeleibte Damen geflogen sei, was den Aufprall gemildert hätte. Einige im Wagen seien jedoch sehr schwer verletzt und lägen auf der Intensivstation. Das alles hörte er und nahm es doch nicht wahr.
0 - Die verborgene Tür
Er sah ein Plakat, es hing schon länger, doch früher hatte er es nicht bemerkt. Aus irgendeinem Grund war er angetan und nahm an der angekündigten Veranstaltung teil.
Dort lernte er einen Mann mit Laden kennen und besuchte ihn später. Er erfuhr von drei siegelgeprägten Drucken aus dem 19. Jahrhundert mit den Namen "1", "2" und "3". Diese nahm er in sich auf und war auf unbestimmbare Weise verändert.
Endlich hatte er den passenden Laden gefunden, nach dem er fünf Monate lang auf der Suche gewesen war. Schon während der Besichtigung spürte er eine Art Behaglichkeit, die er nicht benennen konnte. Hing es mit der schönen Lage in einem alten gewachsenen Stadtviertel zusammen? Waren es die Räumlichkeiten selbst? Lag es an der Vermieterin des kleinen Ladens, die irgendetwas Angenehmes auszustrahlen schien?
Durch die Hintertür des Ladens betrat er dann eine neue Welt. Niemand sagte ihm, daß es die alte war. |